REINHART VON GUTZEIT

Aufeinander hören, voneinander lernen,
gemeinsam erarbeiten

Was „Jugend musiziert“ seinen Teilnehmern vermittelt, gilt auch für die Gestaltung des Wettbewerbs.

Die schwierige Phase, die der Deutsche Musikrat nun zum Glück hinter sich gelassen hat, hat auch zu einer Diskussion über seine zahlreichen Projekte, über ihr Verhältnis zur politischen und inhaltlichen Arbeit des DMR und über eine neue, stringentere Organisationsform geführt.
Dabei wurde „Jugend musiziert“ immer wieder als das größte, bekannteste, unumstrittene Projekt, als „Flaggschiff“ des Musikrats apostrophiert. Aber auch „Jugend musiziert“, so hieß es immer wieder, solle evaluiert und erneuert werden.
Dem ist grundsätzlich nicht zu widersprechen. Wobei wir allerdings auf eine Nuance großen Wert legen müssen: Der Wettbewerb ist keineswegs ein starres System, das in den 40 Jahren seines Bestehens nach dem Prinzip „the same procedure as every year“ geabeitet hätte.
Fast Jahr für Jahr ist der Wettbewerb den Entwicklungen des Musiklebens, den Ergebnissen gründlicher Überlegungen über künstlerische und pädagogische Zielsetzungen, den Wünschen der beteiligten Verbände, der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ihrer Lehrer angepasst worden.
Vor allem die letzten Jahre haben grundlegende Veränderungen gebracht: Alte und experimentelle Musik wurden ebenso heimisch und von den Teilnehmern überwältigend akzeptiert wie die größeren und ungewöhnlichen Besetzungen und zu unserer besonderen Freude die Hinwendung zur Kammermusik. In diesem Jahr erfolgt mit der Wertung Musical die Öffnung in ein ganz neues, von grundlegend anderen als den gewohnten Maßstäben geprägtes künstlerisches Feld.
Diese Veränderungen bringen immer wieder auch Verunsicherungen mit sich. Wie ist die aktuelle Ausschreibung der Ensemblewertung zu verstehen? Kann ich mich mit dem gewünschten Programm beteiligen? Gibt es Pflichtstücke?
Welche Spieldauern sind einzuhalten?
Wir sind allen Partnern des Wettbewerbs sehr dankbar dafür, dass sie die Innovationen Jahr für Jahr mittragen und für ihre Umsetzung auf allen Ebenen sorgen. Dies kann nur gelingen, weil „Jugend musiziert“ demokratisch organisiert ist, die grundsätzlichen Fragen mit den Landesausschüssen beraten und entschieden werden und die Erfahrungen, die auf der Regionalebene gemacht werden, zurückfließen und bei der nächsten Ausschreibung nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Nur so konnte sich eine Wettbewerbskultur entwickeln, die zu breiter Akzeptanz bei allen Beteiligten geführt hat.

So verleitet „Jugend musiziert“ seit 40 Jahren junge Menschen und ihre erwachsenen Partner zu ungewöhnlichem Engagement.
Die jungen Musikerinnen und Musiker werden zu großen Anstrengungen herausgefordert, denen ihre Lehrer mit einem in aller Regel nicht „vergüteten“ Ausmaß von Zuwendung entsprechen.
Viele Musikpädagogen auf allen drei Ebenen engagieren sich ehrenamtlich in der Gestaltung und Durchführung der Wettbewerbe. Ohne diese Bereitschaft Hunderter von Menschen zu unbezahlter Tätigkeit wäre der Wettbewerb nicht durchführbar. Auch die Unterstützung durch alle Stifter und Förderer in den Regionen, den Ländern und auf der Bundesebene muss in diesen Zusammenhang gestellt werden.
Was kann, was wird nun noch an inhaltlicher Erneuerung möglich und erforderlich sein? Immer wieder wird die Forderung erhoben, „Jugend musiziert“ müsse sich
auch für jene Formen der heutigen Musik öffnen, die das musikalische Weltbild der Mehrheit der Jugendlichen prägen: Rock- und Popmusik in all ihren Ausprägungen. Die Verantwortlichen des Wettbewerbs haben großes Verständnis für diese Forderung, aber auch gewichtige Bedenken. Soll man musikalische Erscheinungsformen, für die es ja ebenso wie für den Jazzbereich mit „Jugend jazzt“ eigene Wettbewerbe mit ihnen angemessenem „Zuschnitt“ gibt, ins Boot holen? Hat diese Musik nicht so eigene, grundlegend unterschiedliche Gesetze, dass eine Integration bei „Jugend musiziert“ alle Beteiligten vor kaum lösbare Aufgaben stellen würde? Wäre dies eine Chance für die Popmusik und eine Bereicherung des Wettbewerbs oder eine letztlich niemanden befriedigende Verwässerung der Marke „Jugend musiziert“?
Eine schwierige und spannende Diskussion, die die Gremien von „Jugend musiziert“ zu führen haben werden.
Aber es gibt auch Fragen an den klassischen Wettbewerb, wie wir ihn gewohnt sind. Gelingt es uns, seine Formen auf allen drei Ebenen so weiter zu entwickeln, dass er tatsächlich die Lebendigkeit ausstrahlt, die zu einem Jugendwettbewerb gehört? Dass er auch die prägenden Impulse aussendet, die das traditionelle Musikleben benötigt, um nicht nur für eine sehr kleine Minderheit attraktiv zu sein? Wie können die Regionalwettbewerbe ein noch stärkeres Eigenleben entfalten und so gestaltet werden, dass nicht nur die berühmte „Weiterleitung“ im Vordergrund steht? Betreuen wir die Teilnehmer bestmöglich vor und beim Wettbewerb, in den Beratungsgesprächen und mit dem Förderprogramm der Anschlussmaßnahmen?
Wichtige und schwierige Themen, mit denen wir uns immer wieder auseinander setzen müssen. Ich möchte alle Freunde des Wettbewerbs die Teilnehmer, ihre Eltern, die Lehrer und die Jurorinnen und Juroren als die Mitglieder der„Ju-Mu-Familie"einladen, sich an den Überlegungen zu beteiligen und die Mitglieder der verantwortlichen Gremien zu beraten und zu unterstützen.

(Reinhart von Gutzeit ist Direktor des Bruckner Konservatoriums in Linz und seit 1994 Vorsitzender des Hauptausschusses „Jugend musiziert“.)

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2/2004
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