DEUTSCHER MUSIKRAT

2. Berliner Appell:
Wer das Eigene nicht kennt, kann
das Andere nicht erkennen – 12 Thesen zum interkulturellen Dialog

Kulturelle Identität und interkultureller Dialog bedingen einander

Deutschland steht , wie seine europäischen Nachbarn, vor großen Herausforderungen in der Gestaltung des Dialoges der Kulturen. Migration und demographische Entwicklung belegen seit längerem die Notwendigkeit, stärker als bisher in die Verbesserung der Rahmenbedingungen kultureller Identitätsbildung und des interkulturellen Dialoges zu investieren. Grundlage dafür sind Bildung und Kultur. Jeder Bürgerin und jedem Bürger unseres Landes muss Chancengleichheit beim Zugang zu einem qualifizierten und vielfältigen Bildungs- und Kulturangebot ermöglicht werden. Der Dialog der Kulturen ist ohne die jeweils eigene selbstbewusste Standortbestimmung nicht möglich. Die Musik ist in ihren vielfältigen Ausdrucksformen als barrierefreies Medium kultureller Identitätsfindung und des interkulturellen Dialoges in besonderer Weise prädestiniert.

Der Deutsche Musikrat sieht sich in der gesellschaftlichen Mitverantwortung, das Bewusstsein für die Stärkung kultureller Identitätsfindung und Öffnung interkultureller Dialoge zu befördern.

In Auswertung der Fachtagung des Deutschen Musikrates vom November 2005 zum Thema „Musikland Deutschland – wie viel kulturellen Dialog wollen wir?“, vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung im „Kampf der Kulturen“ und in Sorge um die gesamtgesellschaftliche Entwicklung appelliert der Deutsche Musikrat an die Politik und die Zivilgesellschaft, sich für Toleranz und Verständigung einzusetzen und dies durch die Unterstützung der folgenden Positionen im Bereich der Musik zu konkretisieren:

1) Kulturelle Identität stärken –
interkulturellen Dialog ermöglichen

Die Wahrnehmung unterschiedlicher Identitäten kann nur über eine Position des sich „selbst bewusst sein“ gelingen – denn wer das Eigene nicht kennt, kann das Andere nicht erkennen, geschweige denn schätzen lernen. Die Neugier und Offenheit jedes neugeborenen Kindes sind Chancen und Verantwortung zugleich, dieses Selbstbewusstsein im Sinne einer breit angelegten und qualifizierten musikalischen Bildung anzulegen und damit die Voraussetzungen für den Dialog mit anderen Kulturen zu schaffen.
2) Barrierefreier Zugang zur musikalischen Bildung

Jedes Kind muss, unabhängig von seiner sozialen und ethnischen Herkunft die Chance auf ein qualifiziertes und breit angelegtes Angebot musikalischer Bildung erhalten, das die Musik anderer Ethnien einschließt.

3) Musikalische Ausbildung und interkulturelle Kompetenz für ErzieherInnen

Die musikalische Früherziehung in Krippe, Kindergarten und Hort muss Bestandteil einer umfassenden Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sein. Dies schließt auch die Qualifizierung im Umgang mit nichteuropäischer Musik ein.

4) Zukunft Schule: als Ort kultureller Identitätsbildung und interkultureller Begegnung

Musikalische Bildung muss in der Schule wieder selbstverständlicher Teil der Bildung werden. Dazu bedarf es eines qualifizierten, breit angelegten und durchgängigen Musikunterrichtes in allen Schularten und allen Jahrgangsstufen, der die Migrantenkulturen mit einbezieht.

5) Das Laienmusizieren muss als Fundament kultureller Identitätsbildung und Plattform interkultureller Dialoge gestärkt und ausgebaut werden

Das Laienmusizieren muss in viel stärkerem Maße als bisher ermöglicht und befördert werden, weil es für alle Bevölkerungsschichten ein wesentlicher Ort kultureller Identitätsbildung sein kann und ein bedeutender Faktor des kulturellen Lebens ist. Die Grundlage dafür ist das Bewusstsein für den Wert der Kreativität und die Anerkennung bürgerschaftlichen Engagements. Das Laienmusizieren ist in seiner breiten Verwurzelung in allen Bevölkerungsschichten und Altersstufen der erste Ort für interkulturelle Begegnung.

6) Die Verbände und Organisationen der Zivilgesellschaft müssen ihrer Verantwortung für den interkulturellen Dialog stärker gerecht werden

Die Keimzelle jeden interkulturellen Dialoges ist die Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft. Dazu bedarf es der Bereitschaft und der Möglichkeit zur Begegnung. Die Verbände und Organisationen der Zivilgesellschaft sind in viel stärkerem Maße als bisher gefordert, sich durch ihre Arbeit und ihre Maßnahmen ihrer Multiplikatorenrolle für den interkulturellen Dialog bewusst zu werden.
Der Deutsche Musikrat wird eine TaskForce einsetzen, die seine musikpolitische Arbeit und seine Projekte im Hinblick auf einen interkulturellen Kompetenzzuwachs evaluieren wird.

7) Die Kulturträger sowie die Einrichtungen der Aus-, Fort- und Weiterbildung sind zum Ausbau ihrer interkulturellen Handlungsfelder aufgerufen

Schulen, Musikschulen, Musikvereine, Hochschulen, Musikakademien, Volkshochschulen, Orchester, Musiktheater und viele andere Einrichtungen aus diesen Bereichen sollen ihre Angebote auf den Ausbau möglicher Handlungsfelder zur Beförderung des interkulturellen Dialoges überprüfen. Dabei geht es um langfristig wirkende Maßnahmen und nicht um mediale Befriedigung eventartiger Kurzschlüsse, die im Sinne einer Nachhaltigkeit eher kontraproduktiv wirken, aber leider in den Förderpraxen von der öffentlichen Hand und privaten Geldgebern gerne gesehen sind.

8) Die Medien müssen ihre Multiplikatorenrolle für Bildung, Kultur und
interkulturellen Dialog viel intensiver gerecht werden.

9) Sprachkompetenz: Voraussetzung für Dialog

Der Kompetenzerwerb zur Beherrschung der deutschen Sprache in allen Ausbildungsstufen ist auch und gerade in der Musik Voraussetzung für Verstehen und Verständigung.

10) Die auswärtige Kulturpolitik ist zentraler Mittler für den
interkulturellen Dialog

Die auswärtige Kulturpolitik muss wieder im Sinne einer dritten Säule der Außenpolitik gestärkt werden und den interkulturellen Dialog vor allem über Begegnungsprogramme auf der Laienmusikebene befördern. Die jungen Musikerinnen und Musiker sind gerade bei nachhaltig angelegten Begegnungsprogrammen ausgezeichnete Multiplikatoren für Toleranz, Weltoffenheit und Verständigung.
11) UNESCO – Konvention zur Kulturellen Vielfalt schnell ratifizieren

Kanada hat als erstes Land der 153 Unterzeichnerstaaten die UNESCO-Konvention ratifiziert. Es wäre ein gutes Zeichen nach außen und innen, wenn Deutschland als zweites Land diese Konvention ratifizieren würde. Die UNESCO-Konvention setzt Standards zum Schutz kultureller Vielfalt und schafft damit auf dem Weg zu einem völkerrechtlichen Instrumentarium Verbindlichkeiten für Bildung, Kultur und die Auswärtige Kulturpolitik. Zudem kann sie Schutz vor den fortschreitenden Liberalisierungstendenzen der Märkte liefern.
12) Die Politik muss in die Entstehungsorte kultureller Identität und
interkultureller Dialoge investieren

Alle politischen Entscheidungsträger müssen ihre Prioritätensetzung in der Bildungs-, Kultur-, Sozial- und Wirtschaftspolitik zu Gunsten der Schaffung bzw. Beförderung von Orten der Identitätsbildung
und der interkulturellen Begegnung neu ausrichten. Den absehbaren Folgen einer fortgesetzten Abkapselung von Teilkulturen kann nur durch das Verständnis von Investitionen in beiden Bereichen begegnet werden.

Berlin, 10. März 2006
Deutscher Musikrat

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