PROF. DR. CHRISTIAN ROLLE

Unter Druck:
Schulmusikstudium im Saarland

Während man bei „Bologna“ früher als erstes an eine Universitätsstadt in Oberitalien dachte, löst die Nennung dieses Namens bei denjenigen, die mit dem deutschen Hochschulwesen befasst sind, seit geraumer Zeit andere Assoziationen aus.
Bologna-Prozess - das bedeutet die Einführung gestufter akademischer Ausbildungsgänge mit Abschlüssen, die „Bachelor“ und „Master“ heißen, sowie ein Studium, das weniger als Summe einzelner Lehrveranstaltungen gedacht werden soll, sondern das aufbauend und Fächer verbindend in Form von so genannten Modulen strukturiert ist. Für die Qualität einer Ausbildung ist es nicht entscheidend, wie viele fachspezifische Inhalte in der Studienordnung aufgezählt werden, sondern über welche berufsbezogenen Fähigkeiten die Absolventen am Ende verfügen, welche Kompetenzen sie tatsächlich erworben haben. Die Absichten, die mit diesem deutschland- und europaweiten Reformvorhaben verfolgt werden, sind redlich: Die Zahl der Studienabbrecher soll gesenkt werden, weil das Studium besser organisiert ist und einen „kleinen“ Abschluss (den „Bachelor“) ermöglicht. Man möchte die Ausbildung stärker als bisher an der späteren Berufspraxis der Absolventen orientieren und ist bestrebt, die Mobilität der Studierenden zu erhöhen und ihnen einen Studienortwechsel oder ein Auslandsstudium zumindest zu erleichtern, weil die Strukturen der akademischen Ausbildungsgänge und die Ab-schlüsse länderübergreifend ver- gleichbar werden.
So weit der gute Wille. Ob das deutsche Ingenieursstudium auf dem Weg nach Bologna verbessert wird, ob die Strukturvorgaben zu den Eigenarten der Medizinerausbildung passen und ob das am deutschen Rechtssystem orientierte juristische Staatsexamen durch internationale Abschlüsse ersetzt werden sollte, ist nach wie vor umstritten. Für das Studium an Musikhochschulen bringen die neuen Bologna-Strukturen im Grunde wenig Veränderungen, aber auch kaum Vorteile. Durch das System der Eignungsprüfungen, die Organisation des Unterrichts überwiegend in Klassen mit klarer Einteilung und durch den begrenzten Anspruch auf künstlerischen Unterricht ist eine Überschreitung der Regelstudienzeiten selten, Studienabbrecher gibt es wenige und die Vergleichbarkeit und Anerkennung von Abschlüssen, also Diplom- und anderen Zeugnissen hat in den künstlerischen Berufsfelder kaum Relevanz. Schwierigkeiten begegnen dem Bologna-Prozess in der Reform der Lehrerbildung. Nur ungern verzichten die Bundesländer auf Einflussmöglichkeiten durch staatliche Prüfungen. Und welche Abschlüsse aus anderen (Bundes-) Ländern für die Ausübung des Lehrerberufs anerkannt werden, hängt weniger von Studienreformen ab als von länderspezifischen Eigenarten des Laufbahnrechtes für Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes.
Das Saarland hat sich eine Weile zurückgehalten, aber inzwischen steckt die Lehrerbildung auch hier ganz im Bolognaprozess (obwohl auf die Einführung von Titeln wie Bachelor und Master zunächst noch verzichtet wird). Was grundsätzlich zu begrüßen ist und bei richtigem Vorgehen zu einer Qualitätsverbesserung der Ausbildung führen kann, könnte bei undifferenzierter Anwendung formaler Vorgaben zur Gefahr für die Schulmusik im Saarland werden. Wie in der Vergangenheit auch soll das Studium der beiden Unterrichtsfächer, mit denen Lehrer in die Schule gehen, gleich gewichtet sein. Trotz dieser einsichtigen grundsätzlichen Regelung gab es bisher bestimmte Ausnahmen, mit denen den Besonderheiten der verschiedenen Studienfächer Rechnung getragen wurde. Für Schulmusikstudierende an Musikhochschulen gilt bislang – übrigens nicht nur im Saarland, son-dern in fast allen Bundesländern – dass sie eine etwas verlängerte Regelstudienzeit haben. Wer Musiklehrer an einem Gymnasium werden möchte, kann außerdem das zweite Unterrichtsfach „abstufen“, d. h. in etwas geringerem Umfang studieren. Das sind sinnvolle Sonderregelungen, die sich über Jahrzehnte bewährt haben, die sich jedoch in den neuen saarländischen Vorgaben zur Bologna-Reform in der Lehrerbildung nicht mehr wieder finden. Was dringend verhindert werden muss ist, dass diese Vorgaben nun rein formalis-tisch und ohne Rücksicht auf berechtigte fachspezifische Anliegen angewendet und durchgesetzt werden. Denn sonst könnte keine Rede davon sein, dass die ohne Zweifel erforderliche Reform der Lehrerbildung in Deutschland eine Reform zum Besseren ist.
Nun muss man wissen, dass das Schulmusikstudium im Saarland vor drei Jahren schon einmal grundlegend reformiert wurde. Im Kern ging es schon damals um eine Stärkung des Berufsfeldbezuges, nämlich um eine deutlichere Ausrichtung der Ausbildungsinhalte an den Erfordernissen der Schulpraxis sowie um die Studierbarkeit in dem durch die Regelstudienzeiten vorgegebenen Rahmen. Einige Fächer entfielen, wurden ersetzt oder neu definiert: Schulpraktisches Klavierspiel heißt heute das ehemalige Nebenfach Klavier; Ensembleleitung und Musiktheorie berücksichtigen ausdrücklich die musikpraktische Arbeit mit Schulklassen und das Arrangieren für Klassenorchester; Jazz und populäre Musik wurden als Ausbildungsinhalte integriert; ein vierwöchiges Schulpraktikum Musik wurde eingeführt, noch bevor die saarländischen Richtlinien dies verbindlich vorsahen; das zuvor lange Zeit stiefmütterlich behandelte Schulmusikstudium für Haupt- und Realschulen wurde wiederbelebt, entstaubt und attraktiv gemacht.

In vielerlei Hinsicht war die Musikhochschule Vorreiterin einer Reform der Lehrerbildung, die inzwischen alle Fächer und Fakultäten der Universität erreicht hat. Die unnötig hohe Zahl von Pflichtveranstaltungen in zu vielen Teilfächern, die zu einer großen Belastung der Studierenden geführt hatte, wurde reduziert und die künftigen Musiklehrer wurden stattdessen in die Lage versetzt, in Wahlbereichen persönliche Ausbildungsschwerpunkte zu setzen. Die nun seit einigen Jahren geltenden neuen Studienordnungen werden von den Studierenden positiv beurteilt, sie werden von den Schulen und von Verbänden wie dem VDS, von den Studienseminaren und von Fachvertretern des LPM gelobt. Die hohe Zahl der Studienbewerber auch aus anderen Bundesländern zeigt: Das Schulmusikstudium im Saarland ist attraktiv. Ein dringender Bedarf für weiter gehende Kürzungen im Studienumfang ist zur Zeit nicht erkennbar.
Diejenigen, die mit Eifer und möglichst ohne Behinderungen den begonnenen Bologna-Prozess vorantreiben und ihre Zeitpläne einhalten wollen, hören das nicht gern. Wer zwar offen ist für Veränderungen, aber das Bewährte erhalten möchte, gerät unter Verdacht, er sei ein Besitzstandswahrer. Argumente finden da nur schwer Gehör. Wer differenziert und wer aufmerksam macht auf Besonderheiten einer künstlerischen Ausbildung, setzt sich dem Vorwurf aus, er sei in der eigenen Perspektive befangen und habe kein Auge für das große Ganze. Für Unterscheidungen zwischen den Disziplinen scheint keine Zeit zu sein und kein Spielraum. Von Gleichbehandlung der Fächer ist die Rede – Nivellierung ist die Folge.
Zu den Besonderheiten des Schulmusikstudiums gehört, dass es (neben den pädagogischen) künstlerische und wissenschaftliche Anteile umfasst. Es ist weder ein rein künstlerisches Studium (wie das zum Orchestermusiker), noch ein rein wissenschaftliches (wie das zum Musikwissenschaftler), sondern es verknüpft beide Seiten – und zwar orientiert an der Perspektive „Musikalische Bildung“. Die künstlerische Ausbildung bedarf anderer Vermittlungswege und anderer Veranstaltungsformen als die wissenschaftliche. Bislang wurde diese Tatsache auch in der Lehrerbildung berücksichtigt und es erfordert einige Ignoranz, sie zu bestreiten. Die Zeit, die Jahre, die die Entwicklung künstlerischer Kompetenz braucht, die vielen Stunden täglicher Übezeit am Instrument und für die Bildung der Stimme sind mit der Ausbildung in einem wissenschaftlichen Fach nur schwer zu vergleichen.
Musikstudenten, die ihr Leben von Kindheit an der Musik gewidmet und die mit viel Anstrengung und unter einigen persönlichen Entbehrungen schließlich die Hürde der Eignungsprüfung genommen haben, wollen ein angemessenes Studienangebot. Wer Schulmusik studiert, will eine hochwertige künstlerisch-wissenschaftlich-pädagogische Ausbildung, die den Umfang hat, den sie braucht, und die Strukturen, die ihr angemessen sind.
Musik ist kein Schulfach wie viele andere, denn Musik in der Schule ist mehr als der Unterricht in der 3. Stunde am Dienstagvormittag. Gerade für die meisten Gymnasien und für viele Gesamtschulen gilt, dass Musiklehrer mit einem deutlichen Musik-Schwerpunkt gebraucht werden. Die Leitung eines Schulchores und eines Schulorchesters, die Leitung einer Schulbigband und die Arbeit mit Klassenorchestern erfordern Pädagogen, die auch Künstler sind. Eine Lehrerbildung, die diese besonderen beruflichen Anforderungen zugunsten einer „Gleichbehandlung der Fächer“ ignoriert, wird keine Musiklehrer hervorbringen, die die Organisation und künstlerische Leitung von Schulkonzerten übernehmen können, die Kooperationen mit benachbarten Musikschulen und Musikvereinen initiieren und pflegen können. Wenn das Schulmusikstudium in sturer Auslegung der Reformvorgaben gekürzt werden muss, wird es an den Schulen irgendwann niemanden mehr geben, der Musikklassen einrichtet, der Projekte mit außerschulischen Kulturträgern betreut, der sich um die Förderung von musikalisch hochbegabten Schülern kümmert.
Christian Rolle
Dr. Christian Rolle ist Professor für Musikdidaktik und Leiter des Studienbereichs Schulmusik an der Hochschule für Musik Saar. Er ist Vorsitzender der Bundesfachgruppe Musikpädagogik e. V., in der sich Hochschullehrer, Fachleiter und Fortbilder länderübergreifend mit Fragen der Ausbildung von Musiklehrern aller Schulformen beschäftigen, und amtiert zur Zeit als Sprecher der Föderation musikpädagogischer Verbände Deutschlands.

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